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Legal Engineer – auch ohne Staatsexamen

Legal Engineer Karriere

10.06.22 – Beinahe jeder Jurist (mit Sicherheit jedenfalls ich), der vor einem der beiden Staatsexamina steht – oder auch schon mal vor einer Verwaltungsrechtsklausur – fragt sich, was man eigentlich aus seinem Leben machen soll, wenn man es nicht schafft – und zwar endgültig nicht.

Dieses Thema wird weitgehend totgeschwiegen und wir leben einfach mit dem Elefanten im Raum, dass ein mehrjähriges Studium ohne jeglichen Abschluss einfach endet, wenn man das erste Staatsexamen nicht besteht. Ein potenzielles Examen knapp über 4 Punkten lässt die auf das Examen folgende Jobsuche schon schlimm genug erscheinen, darunter jedoch fühlt man sich auf den Punkt nach dem Abitur zurückversetzt. Doch das stimmt nicht.

Vieles geht, Legal Tech auch

Die Methoden, das Fachwissen und die Erfahrungen, die man bis dahin gesammelt hat, sind keineswegs wertlos – und auch nicht bedeutungslos!

Im Legal-Tech-Bereich sind Abschlüsse (1. Examen, 2. Examen, Wirtschaftsrecht und ähnliche) von Bedeutung, sie bilden aber keine unüberwindbare Hürde. Viele Startups, Kanzleien und Beratungsunternehmen sind auf der Suche nach Juristen mit technischen Kenntnissen und Technikern mit juristischen Kenntnissen. Da es beides in der Größenordnung des Bedarfs nicht gibt, wird vielerorts in Kauf genommen, die Leute vor Ort auszubilden. Was dann nötig ist, ist ein ehrliches Interesse an beiden Materien und die Fähigkeit, sich notfalls auch eigenständig einzuarbeiten. Beides lässt sich durch Aktivitäten neben und nach dem Studium beweisen.

Was man tun kann

Wer schon immer Interesse hatte, sich einmal mit dem Programmieren zu beschäftigen, mit Dokumentenautomatisierung, mit Datenbanken oder Low-Code-Plattformen, erhält auf die meisten dieser Lösungen – zumindest für einen Zeitraum – kostenlos Zugriff.

Viele verschiedene Lernformate ermöglichen zudem einen sanfteren Einstieg in die Materie. So gibt es Plattformen mit Online-Kursen, in denen man unter Anleitung die dort vermittelten technischen Kenntnisse direkt umsetzen kann. Es gibt unzählige Youtube-Videos (allerdings auch in unterschiedlichster Qualität und Aktualität) und natürlich Bootcamps und Fortbildungen. Ich rate zwar davon ab, an dieser Art von Alternativplan zu arbeiten, während man sich auf das Examen vorbereitet – nicht zuletzt weil man durch ein fremdes Thema, das Zeit für examensrelevante Themen kostet, möglicherweise die Chancen zu einem guten Abschluss verschlechtert – während des Studiums oder in der Wartezeit auf die Noten kann solch ein Thema hingegen eine willkommene Abwechslung darstellen und den vielberühmten und grundsätzlich immer erweiterungsbedürftigen Horizont … erweitern.

Skillsets

Fähigkeiten, die bereits jetzt häufig gefragt sind, sind neben dem immer und überall gern gesehenen Projektmanagement, die Fähigkeit Workflows zu verstehen und zu zeichnen, Dokumente zu automatisieren, Plattformen zu konfigurieren und zu bedienen, Datenbanken zu verstehen und Verkaufsgespräche zu führen. Letzteres klingt abwegig und wird auch nie ausdrücklich angefragt; Aber Menschen für die Technologie begeistern zu können, die man ihnen anbietet, ist nicht nur im Verkauf wichtig, sondern auch im Change Management. Letzteres ist ein weiterer Begriff, der noch wenig verbreitet ist, aber bereits gebraucht und bald sicherlich auch gefragt sein wird. Gleiches gilt für Data Mining, Machine Learning, Process Mining und Data Science. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass viele Arbeitgeber junge Absolventen suchen, die bereit sind, sich in einem solchen oder ähnlichen Thema zu verbeißen – hier entsprechende Skills von der anderen Seite mitzubringen, kann schnell einen Fuß in der Tür bedeuten, auch ohne Abschluss. Viele dieser Skills kann man als Bündel erlangen, bspw. in einem entsprechenden Studiengang aber auch in einer Fortbildung oder einer gut gezielten Stelle als studentische Hilfskraft.

Früh übt sich

Unabhängig davon, wie das Staatsexamen ausfällt, lohnt es sich, schon früh Berührung zu technischen Bereichen zu suchen und sich selbst im Kontakt mit diesen ein wenig besser kennenzulernen. Ich spreche auch hier wieder aus Erfahrung, wenn ich sage, dass so manche Jurastudentin und mancher Jurastudent eine regelrechte Liebe zum Programmieren entfacht hat, bei dem Versuch sich daran zu probieren. Sicherlich spielen Inhalt und Lehrperson eine Rolle hierbei, aber nur wer es versucht und sich mehrere Chancen gibt, kann es herausfinden.

Sicherlich braucht man auch als Legal Engineer nicht programmieren zu können – es ist meiner Ansicht nach in den seltensten Fällen notwendig, in den allermeisten aber sehr hilfreich; Ein Grundverständnis von Logik und technischen Abläufen erleichtert den Umgang mit jeder Technologie aber enorm. Wer mag, kann auch mit dem Reparieren von Waschmaschinen oder dem zerstörungsfreien Öffnen von Schlössern anfangen und sich auf seine bisher möglicherweise völlig versteckte technische Ader abklopfen. Wer kein Legal Engineer wird, wird vielleicht Programmierlehrerin, startet ein Open Source Projekt oder wird einfach sehr gut darin, technische Mandate juristisch zu beraten – oder Juristen technisch zu beraten.

Legal Engineering

Aber warum sollte man das eigentlich wollen? Als Legal Engineer befindet man sich auf einem sehr weiten und sehr freien Feld. Das bedeutet einerseits, dass es für dieses aus Perspektive der Juristen noch sehr junge Feld wenig bis keine vorgezeichneten Karrierewege gibt. Niemand kann genau sagen, welche Sparten dieses Berufsbild hervorbringen wird. Das macht es auch nahezu unmöglich zu sagen, welche Kombinationen von Fähigkeiten eine gute Zuschneidung auf ein bestimmtes Feld bieten wird. Gleichzeitig werden Menschen, die sich gerne mit Jura beschäftigen und gleichzeitig auch gerne mit Technologie und zwischen beidem vor Allem auch mit Menschen, immer jemanden finden, der sie braucht. Sich in’s Unbekannte zu wagen ist zwar sehr schwierig – es erfordert Eigenständigkeit und Unternehmergeist – andererseits sind genau dies Eigenschaften, die wiederum häufig helfen, im Bewerbungsgespräch trotz Ausbildungslücken zu überzeugen und sich im Rahmen einer laufenden Karriere einen Weg zu bahnen.

Die Garantie

Eine Garantie gibt es natürlich nicht. Es hängt sehr Vieles davon ab, wie sehr man diese Bereiche tatsächlich zu verstehen willens und imstande ist – und wie gut man überzeugen kann, dass dies bei einem der Fall ist. Hier helfen aber konkrete Erfahrungen und der bereits weiter oben bemühte Unternehmergeist. In jedem Fall ist es klüger, seinen Abschluss so weit voranzubringen und so hoch abzuschließen, wie möglich. Auch im technischen Bereich bringt einen ein höchstmöglicher Abschluss auch fachfremder Materien voran, speziell einen Legal Engineer ein juristischer oder Jura-naher Abschluss. Hinzu kommt, dass im juristischen Bereich Abschlüssen ein hoher formaler Wert beigemessen wird, der für viele traditionellere Arbeitgeber eine harte Grenze darstellt.

Dennoch bin ich der festen Ansicht, dass eine Karriere inzwischen auch mit einem abgebrochenen Jurastudium möglich ist im Bereich Legal Tech. Wer Anderes erlebt, sei hiermit aufgefordert, sich bei mir zu melden. Wir können gerne gemeinsam schauen, welche Möglichkeiten es gibt.

Autor: Nuri Khadem ist Legal Engineer bei Noerr, Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter an der HU-Berlin. Er hat einen umfangreichen IT-Background aus seiner mehrjährigen Arbeit als IT-Dienstleister und Systemadministrator. Und auch die eine oder andere Waschmaschine hat er schon repariert.

Foto: © vectorfusionart / Bigstock

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