Die ReNo zwischen Fristversäumnis, LegalTech und Disruption

Reno

29.11.18 – Haben Sie es auch schon gehört? Es gibt bald keine Rechtsanwalts- und Notarfachangestellten mehr. Nicht so tragisch, meinen Sie? Dafür haben wir ja jetzt beA, arbeiten im papierlosen Büro, die Digitalisierung zieht in die Kanzleien ein und LegalTech übernimmt den Rechtsdienstleistungsmarkt.

Legal Technology ist kein Hype, sondern eine echte Disruption, wie die Teilnehmer des 8. Deutschen Rechts- und Notarfachwirttag 2018 (DRT) Ende Oktober in Leipzig erfahren haben. Der Impulsvortrag von Zoë Andreae, Geschäftsführerin der Softwarefirma Lecare aus Hamburg, ließ den Puls einiger anwesender ReNos doch etwas höherschlagen.

Was geht uns das an, dieses LegalTech?

Eine Teilnehmerin brachte es auf den Punkt: „Also, wir arbeiten mit RA-MICRO – ich weiß nicht, was da noch kommen soll?“ Recht hat sie, schließlich sieht die Tagesordnung der größten jährlich von Soldan ausgerichteten Weiterbildungsveranstaltung für Rechtsfachwirte und Notarfachwirte üblicherweise ganz andere Themen vor. Da geht es um RVG-Gebührenoptimierung, Zwangsvollstreckung im Arbeitsrecht, es geht um Mietrecht, Kostenrecht im Notariat, Verkehrsrecht und nicht zuletzt um beA. Schlimm genug, dass sich die letzten Rechtsanwaltsfachangestellten dieses Landes mit den Kinderkrankheiten von beA auseinandersetzen müssen, da sollte man sie wenigstens vor diesem LegalTech bewahren. Niemand braucht jetzt noch eine Disruption, was immer das auch sein mag. Die Referentin ist erst am Ende ihres Vortrags auf den Begriff eingegangen. An der Stelle hatten die meisten Zuhörerinnen schon entschieden, dass das nur etwas sein kann, was vom Tagesgeschäft ablenkt und sie damit auch nichts angeht.

Oh, doch! Das geht sie sehr viel an, viel mehr als sie ahnen.

Das Dumme ist nämlich, dass diese Disruption nicht wie ein Urknall einfach passiert, alles neu ordnet und digitalisiert und als Nebeneffekt die ReNo überflüssig macht. Nein, das Gegenteil ist der Fall. Der Anwalt ist aufgeschmissen ohne ReNo – LegalTech hin oder her. Denken wir noch einmal an die Einführung von beA. Wer hat denn die Karten bestellt, die Signaturen vergeben, wer sitzt auch heute hier in Leipzig in den beA-Seminaren? Die ReNo. Der Anwalt ist derweil auf LegalTech Konferenzen, Zukunftskongressen oder bei einem Hackathon zu finden oder hat für sich entschieden, dass ihn das alles nichts angeht und er so weitermacht wie bisher. So mancher wünscht sich bei diesen neuen Entwicklungen zwischen digitalem Postfach, Datenschutzgrundverordnung und Cloud, dass alles explodiert und in einer Wolke verschwindet. Aber da ist ja noch der nörgelnde Mandant, das überforderte Gericht, die undurchsichtige Gebührenordnung, die fällige Mahnung, der säumige Schuldner, die gute alte Handakte, die Urkundenrolle, die anstehende Revision, die tägliche Post, der Fristablauf und der BGH.

Gut, wenn man (noch) eine ReNo hat.

Sie sorgt für die normgerechte und rechtskonforme Kanzleiorganisation. Sie sitzt an der Schnittstelle zum Mandanten und zum Gericht. Die ausgebildete, regelmäßig geschulte, geübte Rechtsanwaltsfachangestellte sorgt nebenbei dafür, dass die ZPO angewendet und BRAO sowie BORA eingehalten werden. Sie hat sich mit der Zivilprozessordnung und dem anwaltlichen Berufsrecht in ihrer Ausbildung mit hämmernder Wiederholung auseinandergesetzt. Sie liest übrigens auch den Newsletter zur Rechtsberaterhaftung und die BGH Urteile, in denen die schmerzlichen Fälle von Organisationsverschulden aufgezeigt werden. Die disruptiven Ansätze von LegalTech Anwendungen und die Etablierung von LegalTech Firmen sorgen zwar dafür, dass das anwaltliche Berufsrecht in seiner Ausgestaltung in der Diskussion ist, aber sie erübrigen nicht eine rechtskonforme und normgerechte Kanzleiorganisation. An der Schnittstelle zwischen rechtsuchenden Bürgern, rechtsberatenden Juristen und rechtsprechenden Institutionen wird es immer Vorgaben, Regeln und Gesetze geben, die einzuhalten sind. Und dafür sorgt im besten Fall eine qualifizierte Rechtsanwaltsfachangestellte oder eine studierte Rechtsfachwirtin. Dabei ist es egal, ob sie in einer traditionellen Kanzlei oder einem innovativen LegalTech Startup tätig ist.

Die ReNo kann sich die Stelle aussuchen, an der sie gebraucht wird

Was auch auf dem DRT ganz deutlich sichtbar wurde, ist die Tatsache, dass die Branche noch gar nicht daran gedacht hat, wie sich die Aufgaben der ReNo im Zuge der Digitalisierung verändern, wie sich ihre Einsatzgebiete erweitern und ihr Wirkungskreis verstärken wird, wie sich ihre beruflichen Chancen erhöhen und die Begehrlichkeit nach diesem Berufsbild wachsen wird.

Langsam dämmert es aber den Beteiligten des Rechtsmarktes. Die Entwickler und Anbieter von Kanzleisoftware, die auch den DRT als Aussteller flankierten, merken langsam, dass sie das Wissen der Anwender für ihre nächsten Innovationen brauchen und die Anwender sind nicht die Anwälte und Notare – es sind die ReNos.

Plötzlich sucht auch die Bundesnotarkammer erfahrene Notarfachwirte für die Begleitung der Digitalisierungsprojekte. Ziemlich spät, wenn man bedenkt, dass das Gesetz zur Einrichtung des Elektronischen Urkundenarchivs bereits im Juni 2017 in Kraft trat und bis 2022 umgesetzt werden sollte. Auf dem Rechts- und Notarfachwirttag gab es übrigens nicht wenige Teilnehmer, die von diesem ambitionierten Plan der BNotK noch nichts gehört hatten. Zur Umsetzung des Digitalisierungsprojektes rechnet man übrigens mit einem Personalbedarf von einer Vollzeitkraft pro Notar. Diese Vollzeitkraft sollte übrigens zwingend eine ausgebildet Notarfachangestellte sein. Auf den personellen Notstand im Notariat weiter einzugehen, würde an dieser Stelle aber zu weit führen.

Auch die internationalen Wirtschaftskanzleien haben den Wert der ReNo erkannt. Auch in den JUVE gekürten Top-Kanzleien wird nicht mehr nur beraten, sondern auch prozessiert. Nicht zuletzt das elektronische Postfach, was auch von einem Wirtschaftsanwalt mit zwei Mal VB und LL.M benutzt werden muss, veranlasst die Recruiter nach beA-erfahrenen Fristen-ReFa´s zu suchen.

Der Wirtschaftsjurist ersetzt nicht die ReNo

Nicht zuletzt die LegalTech Unternehmen suchen nach der klassischen ReFa. Schließlich bewegen auch die Startups, trotz aller Innovation im juristischen Geschäftsfeld, sich im Umgang mit Mandanten und haben nicht selten eine Hintertür zur klassischen Anwaltskanzlei. Der Wirtschaftsjurist, der nun über 20 Jahre nach der Einführung seines Studienfachs zwischen Wirtschaft und Recht langsam ebenfalls zum Objekt der Begierde wird, ist aber keine ReNo. Er ist projektaffin, arbeitet interdisziplinär und denkt wirtschaftlich, aber er kennt weder Gebührenordnung, ZPO, Fristenrecht noch Mahnwesen und er schließt nicht die Haftungslücke.

Für die ReNo erschließen sich viele neue Einsatzfelder und Wirkungskreise, aber man muss sie teilhaben lassen an diesen innovativen, technologischen und disruptiven Veränderungen des deutschen Rechtsdienstleitungsmarktes. Und man muss sie ausbilden, schulen und fortbilden. Das gilt für den Rechtsanwaltsbereich ebenso wie für das Notariat.

P.S. Es gab übrigens viele Fachwirtinnen, die die Weiterbildungsveranstaltung aus eigener Tasche bezahlt haben und froh waren, dass sie überhaupt daran teilnehmen durften.

Anmerkung: Dieser Artikel bezieht natürlich die sehr wenigen männlichen Vertreter dieser Berufsgruppe mit ein.

von Marion Proft – Personalberaterin und Unternehmerin bei LegalProfession

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