Legal Tech Nachrichten

US-Großkanzlei lässt Nachwuchsjuristen mit KI experimentieren

Die US-Großkanzlei Ropes & Gray erlaubt Berufseinsteigern bis zu 400 Stunden im Jahr auf künstliche Intelligenz zu verwenden – ein Signal für den Wandel im Kanzleiwesen?

In der Welt der Großkanzleien zählt jede Minute. Juristinnen und Juristen werden nach abrechenbaren Stunden bewertet, ihre Leistung bemisst sich in Zeiteinheiten. Umso bemerkenswerter ist der Schritt der internationalen Kanzlei Ropes & Gray: Ihre Erstjahresjuristen dürfen künftig bis zu 20 Prozent ihrer jährlichen Zielvorgabe, rund 400 Stunden, dafür einsetzen, sich mit künstlicher Intelligenz (KI) zu befassen. Diese Zeit wird nicht gegenüber Mandanten abgerechnet.

Das Programm trägt den Namen „TrAIlblazers“ und läuft zunächst als Pilotprojekt nur für Berufseinsteiger. „Wir wollen unseren Nachwuchs befähigen, die Bedeutung dieser Technologie zu verstehen“, sagt Partnerin Jane Rogers. Das Vorhaben sei nicht dazu gedacht, Auslastungsschwankungen auszugleichen, sondern gezielt in technologische Kompetenz zu investieren.

Investition in Fähigkeiten statt in Stunden

In den meisten Großkanzleien dienen abrechenbare Stunden als Maßstab für Leistung, Bonus und Karrierechancen. Ropes & Gray bricht mit dieser Tradition. Der Kanzleiberater Bruce MacEwen von Adam Smith, Esq. nennt den Schritt „eine äußerst lohnende Investition“. Bildung und Technologieverständnis seien künftig entscheidend, da KI „eine Pflichtkompetenz für Associates und bald auch für Partner“ werde. Er rechnet damit, dass andere Großkanzleien ähnliche Programme aufsetzen werden. In der Branche beobachte man sich genau, und der Umgang mit KI entwickle sich rasch zu einem Differenzierungsmerkmal.

Skepsis und Aufbruch zugleich

Einige Nachwuchsjuristen äußern laut Rogers die Sorge, KI könne langfristig juristische Arbeit ersetzen. Sie widerspricht: „Wir werden immer Menschen brauchen, die Technologie soll uns nur helfen, besser zu arbeiten.“ Die Teilnehmenden sollen lernen, KI-Werkzeuge bei der Vertragsanalyse, Dokumentenprüfung und Schriftsatz­erstellung einzusetzen, ohne Vertraulichkeit oder Qualitätsstandards zu gefährden. Ziel sei ein sicherer, produktiver Umgang mit neuen Werkzeugen – nicht deren kritiklose Nutzung.

Ein Signal an die Branche

Traditionell erlauben Kanzleien nur begrenzte Stundenkontingente für Weiterbildung oder Innovation. Ropes & Gray geht deutlich weiter und deutet damit einen Paradigmenwechsel an: weg von der reinen Stundenproduktion, hin zu einer Kultur des Lernens und Experimentierens. Das Programm „TrAIlblazers“ steht damit exemplarisch für den beginnenden Strukturwandel in der juristischen Ausbildung. Die Botschaft lautet: Wer künftig im Kanzleiwesen bestehen will, muss nicht nur Gesetze lesen können, sondern auch Algorithmen verstehen.

- WERBUNG -