Kommentar: Zwei Wochen Beck-Noxtua im Praxisvergleich mit Libra
Eine persönliche Einschätzung von RA Florian Branitzki

Vor etwa zwei Jahren habe ich angefangen, mit ChatGPT zu arbeiten. Erst sporadisch, dann regelmäßig. Die Ergebnisse waren oft überraschend brauchbar, aber schnell wurde klar, dass ein amerikanischer Chatbot und der anwaltliche Berufsalltag mit seinen Vertraulichkeitsanforderungen nicht ohne Weiteres zusammenpassen. Ich habe das Thema eine Weile auf Abstand gehalten, bis nach und nach Tools auf den Markt kamen, die genau dieses Problem lösen wollten.
Seit etwa sechs Monaten arbeite ich täglich mit Libra, und was mich dabei am meisten beschäftigt, ist weniger das einzelne Tool als die Richtung, in die sich das alles bewegt. Die rechtliche Prüfung, die solche Werkzeuge heute liefern, ist in vielen Fällen schon erstaunlich präzise. Wenn man das weiterdenkt, verschiebt sich möglicherweise, was die eigentliche anwaltliche Leistung ausmacht. Vielleicht weniger das theoretische Wissen, das abrufbar wird, und mehr das, was sich nicht automatisieren lässt: der Umgang mit Mandanten, die Einschätzung einer Situation, die Organisation der eigenen Kanzlei.
Aber das ist die große Perspektive. Konkret wollte ich wissen, wie sich Beck-Noxtua im Kanzleialltag schlägt, und habe es zwei Wochen lang parallel zu Libra getestet. Mein Fazit fällt eindeutiger aus als erwartet.
Diktierfunktion: Im Anwaltsalltag kein Nice-to-have
Eine im Tool integrierte Diktierfunktion hat aktuell nur Libra. Ich spreche Sachverhalte ein, lasse direkt daraus umfassende Drafts generieren, arbeite die nach. Das spart enorm viel Zeit. Wer viel diktiert, und das tun die meisten Anwälte, merkt schnell, wie sehr dieses Feature den Workflow verändert. Bei Beck-Noxtua fehlt das.
Dokumentenanalyse: Wo es wirklich drauf ankommt
Bei Libra werden profilbezogen alle Chatverläufe und darin hochgeladene Dokumente gespeichert, man hat also von jedem Browser aus jederzeit Zugriff. Beck-Noxtua speichert leider nur browserbezogen.
Gravierender ist aber ein anderer Punkt: In Beck-Noxtua fehlt bei der Analyse eingespeister Dokumente, also etwa Testamenten, Schriftsätzen oder gerichtlichen Verfügungen, die Markierung der analysierten Stellen im angehängten Dokument. Libra hingegen markiert die relevante Passage direkt.
Das klingt nach einem Detailunterschied, ist aber in der Praxis erheblich. Bei einem Erbrechtsfall hatte Noxtua eine Passage in den eingereichten Dokumenten überhaupt nicht erfasst und lieferte entsprechend eine eklatante Fehleinschätzung. Libra hatte sie gefunden. Umgekehrt war Noxtua bei der Analyse eines komplexen Scheidungsfolgenvertrags inhaltlich durchaus brauchbar. Die Zuverlässigkeit schwankt also, und genau das macht es schwierig, dem Tool in zeitkritischen Situationen zu vertrauen.
Sprachliche Qualität
Libra hat beim sprachlichen Output aktuell klar die Nase vorn. Es lässt mich das Sprachmodell für den Output wählen, ich kann also je nach Aufgabe zwischen aktuellen Versionen von ChatGPT und Claude wechseln, wobei ich hier Claude mittlerweile am häufigsten nutze. Noxtua arbeitet mit einem eigenen Modell, man hat also keine Auswahl. Die Texte klingen für mich zuweilen etwas hölzern. Das war bei Libra vor einigen Monaten auch noch so, ist aber seit der Implementierung von ChatGPT und Claude dort viel besser. Für Anwälte, die KI-generierte Entwürfe nur noch nacharbeiten statt komplett umschreiben wollen, ist das ein relevanter Unterschied.
Der klare Vorteil von Noxtua: Die Beck-Datenbank
Natürlich muss man fair bleiben. Die Verknüpfung mit der Beck-Datenbank, die an Qualität und Quantität sicherlich ihresgleichen sucht, ist ein echter Pluspunkt. Wer in seinem Arbeitsalltag auf tiefgehende Datenbankrecherche großen Wert legt, findet bei Noxtua hier vielleicht die bessere Anbindung. Libra arbeitet aktuell mit Otto Schmidt und Wolters Kluwer, was für meine Praxis ausreicht, aber je nach Rechtsgebiet anders aussehen kann.
Fazit
Libra ist für meinen Arbeitsalltag aktuell klar das bessere Werkzeug. Mich überzeugt die Diktierfunktion, der sprachliche Output, der sich weniger sperrig anfühlt und weniger Nacharbeit braucht, und die Dokumentenverknüpfung, die mir zeigt, worauf eine Einschätzung beruht. Die Otto-Schmidt-Anbindung reicht für das, was ich brauche.
Das heißt nicht, dass Beck-Noxtua schlecht ist. Die Datenbankanbindung ist ein starkes Argument, und es ist gut, dass es Wettbewerb auf diesem Markt gibt. Aber für den täglichen Einsatz in einer Kanzlei, die viel mit Schriftsätzen, Dokumentenanalyse und Mandantenkommunikation arbeitet, hat Libra aktuell die Nase vorn.
Ich bin gespannt, wie sich beide Tools weiterentwickeln. Der Markt bewegt sich schnell, und was heute gilt, kann in sechs Monaten anders aussehen.
Kommentator: Florian Branitzki ist Fachanwalt für Familienrecht und Erbrecht sowie Partner einer Kanzlei in Karlsruhe. Er setzt KI-Tools seit über einem Jahr in der täglichen Mandatsarbeit ein und ist Vorstand im Anwaltsverein Karlsruhe.






