Wir sind unsympathischer als Maschinen!
Wie Künstliche Intelligenz unser Kommunikationsverhalten beeinflusst
Es wurde bereits viel über Effizienzsteigerungen und Prozessoptimierung in Kanzleien veröffentlicht. In diesem Magazin finden Sie sicherlich zahlreiche Artikel zu diesem Thema. Auch unser Unternehmen wird regelmäßig damit beauftragt, diese Vorteile in Kanzleien umzusetzen.
Heute möchte ich Ihre Aufmerksamkeit jedoch darauf lenken, wie KI und Technologie unser individuelles und kollektives Verhalten beeinflussen. Häufig werden diese Veränderungen erst im Nachhinein wahrgenommen und untersucht, da unsere Aufmerksamkeit auf die wirtschaftliche Nutzung von KI fokussiert ist. Darüber hinaus fällt es uns schwer, langfristige Folgen komplexer Systeme auf menschliches Verhalten vorherzusehen, wie schon der Advent der sozialen Medien gezeigt hat.
Wie verändert sich Verhalten?
Bevor wir uns damit beschäftigen, wie Verhalten von KI beeinflusst wird, betrachten wir zunächst die Grundlagen für Veränderungen in unserem Handeln. Ein bewährtes und gut erforschtes Modell zur Verhaltensänderung ist das COM-B-Modell. Dieses Modell bietet eine einfache, aber fundierte Erklärung für die Faktoren, die unser Verhalten steuern. Es identifiziert drei zentrale Elemente, die notwendig sind, um Veränderungen im Verhalten (Behavior) herbeizuführen:
1. Fähigkeit (Capability)
2. Gelegenheiten (Opportunities)
3. Motivation (Motivation)
Verhaltensänderung setzt eine Mischung aus Fähigkeit, Gelegenheiten und Motivation voraus. Die zentrale Frage lautet daher, ob KI-Systeme all diese Voraussetzungen erfüllen können.
KI kann personalisierte, anpassbare und günstige Bildung anbieten, die Fähigkeiten schafft oder verbessert. So können Nutzer leichter Zugang zu hochwertigem Wissen erhalten, das effizienter und skalierbarer als traditionelle Bildung ist.
KI erlaubt es, zu programmieren, ohne Programmierer zu sein, Aktien zu analysieren oder Rechtstexte zusammenzufassen. KI liefert auf Knopfdruck maßgeschneiderte Informationen zur richtigen Zeit und zu geringen Kosten. Dies schafft Motivation, da Eintrittsbarrieren für fertigkeitsbasierte Aktivitäten drastisch gesenkt werden.
Dank effektiver und gut getimter Integration in moderne Kommunikationssysteme werden Gelegenheiten geschaffen, um Verhalten sofort zu ändern. Ein Beispiel sind algorithmische Antwortvorschläge (Smart Replies). Diese Systeme sind mittlerweile Standard bei vielen Anbietern. Es gibt allerdings auch Systeme, die direkt auf die Rechtsbranche zugeschnitten sind und deutlich bessere Ergebnisse liefern.
Die Grundlage für eine Verhaltensänderung des Benutzers ist also gegeben. Da viele KI-Systeme im Kanzleialltag auf Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT basieren, legen wir den Fokus auf die Veränderung des Kommunikationsverhaltens.
Sprache formt Realität
Sprache formt unsere Wahrnehmung und beeinflusst maßgeblich unser Verhalten sowie die Interaktion mit unserer Umwelt. Besonders in der Rechtsbranche hat sie eine zentrale Bedeutung. Juristische Arbeit basiert auf Sprache und deren Interpretation, die maßgeblich die Rechtswirklichkeit prägt.
„Jeder Jurist ist ein Sprachwissenschaftler, ob er will oder nicht.“
– Helmut Coing –Auch im Mandantengespräch ist Sprache von zentraler Bedeutung, da fehlerhafte Kommunikation finanzielle und haftungsrechtliche Folgen haben kann. Eine Verbesserung und Standardisierung der Sprache helfen, diese Risiken zu minimieren.
KI-generierte Sprache beeinflusst menschliche Interaktion
Eine Studie der Cornell University untersuchte, wie Smart Replies in textbasierten Kommunikationsplattformen wie Google die Interaktion und gegenseitige Wahrnehmung von Menschen beeinflussen. Die Ergebnisse sind unerwartet und aufschlussreich.
Personen, die KI-generierte Smart Replies nutzen, kommunizieren effizienter, da sie schneller auf Nachrichten antworten können. In Experimenten zeigte sich, dass die Zahl der Nachrichten pro Minute durch den Einsatz von Smart Replies steigt.
Einfluss auf Emotionen
Smart Replies tendieren dazu, positive Sprache zu verstärken, was Gespräche insgesamt emotional positiver macht. In einer Kontrollgruppe, in der ausschließlich negative Antwortvorschläge gezeigt wurden, war der emotionale Ton des Gesprächs entsprechend negativer. Dieser Trend setzt sich generell in vielen LLMs durch. Dieser systematische Einfluss (Cognitive Bias) variiert je nach Modell und verwendeten Trainingsdaten.
Wahrnehmung von KI in Kommunikation
Teilnehmer, die glaubten, dass ihr Gesprächspartner Smart Replies nutzt, bewerteten ihn als weniger kooperativ und fühlten eine geringere soziale Nähe. Das Interessante daran: Dieses Vorurteil bestand unabhängig davon, ob der Gesprächspartner tatsächlich Smart Replies verwendete oder nicht. Die tatsächliche Nutzung von Smart Replies führte paradoxerweise zu positiveren Einschätzungen durch den Kommunikationspartner (kooperativer, sympathischer). Dies zeigt eine Diskrepanz zwischen der Wahrnehmung von KI-unterstützter Kommunikation und ihren realen Auswirkungen.
Die zunehmende Verbreitung von LLMs und Tools wie Smart Replies könnte langfristig zu einem Verlust individueller Kommunikationsstile führen, da Sprache zunehmend homogener wird. KI-Systeme können die Kommunikation unbewusst beeinflussen und standardisieren. Im juristischen Bereich könnte dies jedoch von Vorteil sein: Die standardisierte Sprache und KI-gestützte Arbeit können beispielsweise in der Ausbildung von Juristen und Fachangestellten helfen, tonale und inhaltliche Fehler zu vermeiden.
Fazit
Schon die Vermutung, dass KI zum Einsatz kommt, beeinflusst das Verhalten von Kollegen und Mandanten. Werden KI-Nutzung und hochwertige Ergebnisse offen kommuniziert, können neben gesteigerter Produktivität und reduzierten Kommunikationsfehlern weitere positive Eindrücke entstehen.
Der Einsatz von KI kann Unterschiede in Kommunikationsstilen verringern und so zu einem neutraleren Ton beitragen. Personen mit einem aggressiven oder defensiven Stil profitieren davon, allerdings hängt die Qualität der Ergebnisse stark von der korrekten Eingabe und den verwendeten Sprachmodellen ab. Daher sind die professionelle Umsetzung und geeignetes Training kritische Faktoren, um KI erfolgreich einzusetzen.
Der Kanzleialltag ist stressig und oft bleibt nicht genug Zeit für umfangreiche Kommunikation mit dem Team oder den Mandanten. Wenn Sie sich fragen, ob genug Zeit für angemessene Kommunikation mit Ihrem Team oder Mandanten zur Verfügung steht, kann KI eine großartige Lösung darstellen.
Autor: Patrick Wenzek ist Gründer der Aipha-Omega UG und unterstützt Juristen dabei, Prozesse zu automatisieren sowie interne und externe Kommunikation effizienter zu gestalten. Sein Unternehmen bietet maßgeschneiderte KI-Strategien und Automatisierungslösungen, die speziell auf die Bedürfnisse von Kanzleien und Juristen zugeschnitten sind.






