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Sein oder Dinosaurier sein

Der Einschlag

Recht setzen, verwirklichen, erkämpfen, erhalten und weiterentwickeln war nie Mechanik. Es war schon immer organisch, lebendig, evolutionär. Als ich vor Jahren für meine Doktorarbeit „Die Szene wird zum Tribunal!“ (Eine Studie zu den Beziehungen von Recht und Literatur am Beispiel des Schauspiels „Cyankali“ von Friedrich Wolf, Berlin 2007) in die Tiefen der Rechtsentstehung tauchte, wurde mir klar: Jedes Gesetz ist geronnenes Leben.

In seiner Urform war dieser Prozess noch wild und sichtbar – Stammesälteste, die am Feuer Recht sprachen. Dann begannen wir über Jahrtausende, diesen organischen Prozess zu bändigen, zu formalisieren, zu objektivieren. Die Mächtigen wollten Kontrolle, die Rechtsunterworfenen Berechenbarkeit. Beide bekamen: Paragrafen.

Jetzt ist etwas Gewaltiges eingeschlagen. Ein Asteroid namens KI wirbelt so viel Staub auf, dass die eitle Sonne unseres Rechtsmarkts zu verdunkeln beginnt. Und wie gute Reptilien verharren wir in Schockstarre.

Der Darwin-Award

Die Juristerei bewirbt sich gerade um den Darwin-Award – jene zweifelhafte Auszeichnung für spektakuläre Selbstherausnahme aus der Evolution durch Fehleinschätzung. Die Ironie ist atemberaubend: Eine Branche, die seit Jahrtausenden davon lebt, Veränderungen zu dokumentieren, zu interpretieren und zu begleiten, verweigert die eigene Evolution, weil sie sich schon für ziemlich perfekt hält.

Wie Dinosaurier, die sicher überzeugt waren: Wir sind zu groß zum Aussterben. Too big to fail – haben die Banken 2008 auch gedacht.

Die Säugetiere sind längst da

Während wir noch debattieren, ob ChatGPT die Verschwiegenheitspflicht erfüllt, trainieren findige Legal-Tech-Startups bereits ihre eigenen Sprachmodelle mit riesigen Datensätzen. Das sind die flinken Säugetiere, die zwischen unseren schwerfälligen Beinen herumwuseln.

Klar, wir Großechsen hatten gute Gründe für unsere Größe. Wir beherrschten unsere Umwelt perfekt, geschützt durch das atmosphärische Artenschutzgesetz namens Rechtsdienstleistungsgesetz. Was konnte uns schon passieren?

Aber Größe wird zum Verhängnis, wenn sich die Umwelt schneller wandelt als die eigene Anpassungsfähigkeit. Der Rechtsmarkt erlebt seine Kreidezeit – ironischerweise folgt diese erdgeschichtlich auf das Jura.

Der Kollaps der Nahrungskette

Das Aussterben kommt schleichend. Erst verschwinden die Mandate für Standardverträge – kann die KI. Dann die einfache Rechtsberatung – macht das System. Schließlich merken die Mandanten: Warum 300 Euro pro Stunde zahlen, wenn der Algorithmus in drei Minuten liefert, wofür ich früher drei Stunden gebraucht habe?

Als Richter habe ich erlebt, wie Routine das Herzstück der Rechtsprechung ist. Als Unternehmensjurist sah ich, dass bis zu 70% aller Rechtsarbeit Mustern folgt. Genau diese 70% frisst uns die KI weg. Von unten nach oben bricht dann die Nahrungskette zusammen.

Die menschliche Nische

Aber – und hier wird‘s interessant – wir sind ja gar keine echten Dinosaurier. Wir sind eigentlich Säugetiere mit einem großen Gehirn, das antizipieren kann. Wir können uns entscheiden: Wollen wir als beeindruckende Fossilien enden oder überleben?

Die Säugetiere haben nicht überlebt, weil sie stärker waren. Sie hatten etwas, was den Echsen fehlte: Wärme. Nicht nur körperliche, sondern soziale Wärme – Empathie, Beweglichkeit, die Fähigkeit zur Brutpflege.

Während KI das Recht in technischer Perfektion beherrschen wird, bleibt eine Lücke: das genuin Menschliche. Algorithmen können Sachverhalte analysieren, aber nicht den Schmerz des Mandanten verstehen. Sie optimieren Verträge, aber erspüren nicht, wann ein Kompromiss mehr wert ist als ein juristischer Sieg. Sie wenden Recht an, aber haben kein Gerechtigkeitsgefühl.

Die evolutionäre Nische

Als Richter war ich Übersetzer zwischen den kalten Buchstaben der Gesetze und der warmen Gerechtigkeit. Als Unternehmensjurist Vermittler zwischen juristischer Exzellenz und geschäftlicher Realität. Diese Übersetzungsleistung ist unsere evolutionäre Nische.

In seinen Kindertagen drohte das Recht in Konturlosigkeit zu verschwimmen. Mit KI droht es, in vollendeter Perfektion zu erstarren. Wir Legal Professionals sind die geborenen Mittler zwischen der kalten Logik der Algorithmen und der anderen Logik menschlicher Bedürfnisse.

Wir können und sollten die Zwischenräume besetzen: zwischen Paragraf und Person, zwischen Präzedenz und Präsenz, zwischen digitaler Effizienz und ganz analoger Empathie. Manchmal ist die formaljuristisch zweitbeste Lösung menschlich gesehen die beste.

Die Uhr tickt

Der Asteroid ist bereits eingeschlagen. Die Evolution wartet nicht. Die Uhr tickt jetzt in Millisekunden – der Zeiteinheit der Algorithmen, nicht die der anwaltlichen Stundensätze.

Sein oder Dinosaurier sein, das ist hier die Frage. Wollen wir die letzten unserer Art werden, die man in Museen bestaunt – „Hier der Homo Juridicus, ausgestorben circa 2030, erkennbar an der Vorliebe für Papierakten und einem Ego, das ihn zu schwer zum Fliegen machte“?

Oder werden wir die ersten einer neuen Spezies, die das Beste aus beiden Welten vereint? (Anmerkung: Wie diese in Zukunft aussehen kann, haben Dr. Alexander Steinbrecher und ich versucht mit Expertinnen und Experten der juristischen Disziplinen in unserem Buch „Daniel Halft / Alexander Steinbrecher, Die Zukunft der Rechtsberatung – Wie Innovation, Digitalisierung und künstliche Intelligenz den Rechtsmarkt revolutionieren“ (Verlag C.H. Beck, München 2025) zu skizzieren.

Dann müssen wir als Berufsstand nicht nur die technischen Grundlagen von KI lernen, sondern an unserer menschlichen Wärme arbeiten. Erst dann unterscheiden wir uns für die Rechtsuchenden deutlich genug von einem Subsumtionsautomaten.

Die Entscheidung liegt bei uns. Anders als die Dinosaurier können wir unser Schicksal wählen. Die Frage ist nur: Wählen wir rechtzeitig?

Autor: Dr. Daniel Halft ist Rechtsanwalt, Redner, Berater und Gründer von AnwaltsCampus. Er forscht und lehrt an der Schnittstelle von Recht und Künstlicher Intelligenz. Mit Leidenschaft begleitet er Jurist:innen in die digitale Zukunft – in der Hoffnung, dass ihre Klugheit und Menschlichkeit die Erde noch lange bereichern.

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