Fachartikel

Neue Geschäftsmodelle im Lichte der Digitalisierung

Im Run um das beste, schnellste und effizienteste KI Tool in der Kanzlei, sehen sich Rechtsanwält:innen bald einer Frage gegenüber: Geht die Rechnung auf?

Return on KI-Investitionen

KI-Recherche, automatisierte Vertragsanalyse, KI-Assistenten versprechen Lösungen nicht nur im Arbeitsablauf, sondern auch in der kernjuristischen Arbeit. Gemessen an der Vielzahl der Tools könnten Rechtsanwält:innen gefühlt unlimitiert Zeit und Geld investieren. Einfach das „new shiny thing“ so kaufen (bzw. abonnieren) bedeutet aber nicht, dass es kommerziell die richtige Entscheidung ist. Fragen wie: Was wird es mich kosten, meine Mitarbeiter:innen einzuschulen? Welche Einsparungen habe ich dadurch? Was bedeutet das Tool für mein Business?

Die Rechnung

Solche Rechnungen bekommen Rechtsanwält:innen immer wieder von Anbietern vorgeführt: Das Tool kostet 500 EUR. Wenn man für die Aufgabe, die 3 Stunden benötigt hat, jetzt nur mehr eine halbe Stunde benötigt, sind das bei einem Stundensatz von 300 EUR nur mehr 150 EUR statt 900 EUR. Man würde also bei Kosten von EUR 500 bereits beim ersten Vertrag EUR 250 sparen. Was? Wie?

Wie die Rechnung aussieht:
• Einnahmen = EUR 150 (minus EUR 750)
• Kosten = EUR 500
• Verlust im Vergleich zu vor-KI: EUR 1.250

Gleichzeitig erwarten Mandant:innen nach einer JUVE-Umfrage auch, dass Kanzleien KI verwenden, und sich dies preissenkend auswirkt. So landen Rechtsanwält:innen schnell in der Falle, wenn durch mehr Effizienz die Umsätze sinken.

Because you are worth it

Spätestens an dem Punkt, an dem die kernjuristische verrechenbare Arbeit durch KI ersetzt oder verkürzt wird, muss der Stundensatz hinterfragt werden. Der erste Schritt ist hin zum Pauschalhonorar und Value-Based Pricing. In beiden Fällen ist die Frage, wie lange etwas dauert, irrelevant. Es geht um den Wert, der für Mandant:innen kreiert wird – unabhängig davon, ob KI-unterstützt oder handgeschrieben.

Das Honorar orientiert sich dann nicht mehr an der aufgewendeten Zeit, sondern an dem, was es Mandant:innen wert ist, und gleichzeitig ein fairer Preis. Die Herausforderung, die natürlich damit einhergeht ist, dass man den eigenen (Mehr-)Wert als Rechtsanwält:in kommunizieren kann.

Qualitätsstandards

Hat man Pauschalen gefunden, können leichter die kommerziellen Aspekte und auch die Qualität verbessert werden. Standardisierung und KI helfen nicht nur dabei, den Profit zu optimieren und/oder kompetitivere Preise anzubieten, insbesondere Pauschalen ermöglichen es, die (vermeintlichen) Risiken zu minimieren und die Preise zu kalkulieren.

Man denke an ein einfaches Beispiel: Ein Vertrag der vom ersten zum letzten Buchstaben per Hand geschrieben wird, ist nicht nur ineffizient, es kann auch passieren, dass Tippfehler hineinschlüpfen, oder man vielleicht die ein oder andere Klausel vergisst. Noch schlimmer ist es, wenn man unter Zeitdruck steht. Entwickelt man nun aber ein Muster, anonymisiert den Vertrag, den man geschrieben hat, werden diese Fehler minimiert bis hin zu ganz ausgeschaltet. Man kann die Zeit, die man mit Neuschreiben verbringen würde, mit Optimierungen verbringen. Das Muster zu aktualisieren benötigt auch Zeit. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter. Mit Automatisierung und KI kann das eigene Muster in vielen Varianten generiert werden (du/Die, singular/plural, uvm.). Von diesem Punkt an steigen die Effizienzen für Rechtsanwält:innen und Mandant:innen.

Attorney-as-a-Service

Einen Schritt weiter kann man gehen, wenn man Technologie als Teil des anwaltlichen Services sieht. Der Wunsch um Preissicherheit geht bei vielen Mandant:innen über Pauschalen hinaus – in einer Welt, in denen Subscriptions an der Tagesordnung stehen, ist es nicht verwunderlich, wenn dieser Wunsch auch an Rechtsanwält:innen herangetragen wird. Insbesondere Unternehmen, die (noch) keine eigene Rechtsabteilung haben, oder solche, die Bedarf an Spezialist:innen für ein konkretes Rechtsgebiet haben, engagieren immer wieder Kanzleien auf Basis einer monatlichen flat-fee.

Kombiniert man nun die Effizienz, Technologie und finanzielle Sicherheit, kann dies Teil eines umfänglichen Angebots für Mandant:innen sein. Aktuelle Informationen, Dokumente, die juristisch am aktuellen Stand sind, Plattformen und vieles mehr eröffnen neue Möglichkeiten, die anwaltliche Leistung anzubieten und mit Mandant:innen zusammenzuarbeiten.

Alle an Bord!

Die ersten Statistiken zeigen, dass KI Einstiegsjobs ersetzen wird, bzw. zum Teil auch schon hat. Die Angst macht die Einführung von diesen Tools natürlich schwerer. Ein wichtiger Punkt, der beachtet werden muss, ist mit Quick Wins zu beginnen. Kleine Dinge zu automatisieren, mühsame Tasks zu eliminieren. Was das Beispiel mit dem Vertrag auch zeigen soll, ist, wie wichtig Datenqualität ist. Ganz nach dem Motto „shit in – shit out“ sollte beachtet werden, dass die Arbeit, die richtigen Daten, Muster, usw. auszuwählen, extrem wichtig ist, und noch von Menschen ausgeführt wird.

Evolution statt Revolution

Wenn man über die Digitalisierungsinitiativen und Legal Tech im letzten Jahrzehnt nachdenkt, stellt sich manchmal die Frage, warum Geschäftsmodelle nicht schon länger hinterfragt wurden. Auch ein gutes Wissensmanagement, Muster und gute Prozesse können dazu führen, dass bei einer Stundensatzabrechnung die Umsätze zurückgehen.

Die Digitalisierung erfordert nicht das sofortige komplette Umkrempeln etablierter Kanzleistrukturen (auf Dauer wahrscheinlich schon ;)), sondern eine durchdachte Evolution der Geschäftsmodelle. Erfolgreich werden die Kanzleien sein, die Technologie gezielt und strategisch einsetzen, um Mehrwert für ihre Mandant:innen und sich selbst zu generieren, bessere Ergebnisse zu liefern – und diese Mehrwerte auch entsprechend honorieren lassen.

Die Frage ist also nicht, ob die KI-Rechnung aufgeht, sondern wie Kanzleien ihre Geschäftsmodelle an das digitale Zeitalter anpassen.

Autorin: Mag. Katharina Bisset, MSc ist Rechtsanwältin, Co-Founder von Nerds of Law und NetzBeweis, Mitglied des Disziplinarrats der RAKNÖ, sowie Autorin und Herausgeberin von „Kanzlei Start-Up“ und bald „Kanzlei Next-Level“, welches im Linde Verlag erscheint.

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