Fachartikel

Citizen Development in Kanzlei und Rechtsabteilung

Die juristische Arbeitswelt wandelt sich rasant. Kanzleien und Rechtsabteilungen stehen vor komplexen Rechtsfragen, steigenden Mandantenerwartungen und IT-Fachkräftemangel. Citizen Development gewinnt an Bedeutung: Fachkräfte ohne Programmierkenntnisse können digitale Lösungen entwickeln, um repetitive, zeitaufwendige Prozesse effizient zu optimieren.

Grundlagen des Citizen Development

No-Code- und Low-Code-Plattformen ermöglichen die Erstellung von Anwendungen über visuelle Oberflächen, wobei erstere keine Programmierkenntnisse erfordern, während letztere zusätzlich Codeintegration erlauben. Dies befähigt juristische Fachkräfte, eigene digitale Lösungen zu entwickeln, ohne permanent IT-Unterstützung zu benötigen. Eine Koordination mit IT-Spezialisten bleibt dennoch bei Themen wie Datenbanken, APIs, Sicherheit und Compliance unverzichtbar. Der zentrale Vorteil: Juristische Expertise fließt direkt in Anwendungen ein, ohne Kommunikationsbarrieren zwischen Fach- und IT-Abteilungen. Dies verkürzt Entwicklungszeiten erheblich und ermöglicht schnellere Anpassungen bei geänderten Anforderungen.

Die Einsatzmöglichkeiten in Kanzleien und Rechtsabteilungen reichen von Dokumentenautomatisierung bis zur Digitalisierung interner Workflows. Erfolgreiche Implementierungen umfassen automatisierte Vertragsgeneratoren, Fristenverwaltung und optimierte Mandanten-Onboarding-Prozesse. Beispielsweise können Kanzleien digitale Erstberatungsprozesse entwickeln, bei denen Mandanten über Online-Formulare Informationen bereitstellen, die automatisch in Vertragsvorlagen oder Systeme übernommen werden. Auch komplexe Compliance-Prozesse lassen sich mit Low-Code effizient verwalten. Citizen Developer können Eingabemasken für Mandantendaten oder Klausel-Varianten erstellen, um per Mausklick Dokumente zu generieren. Workflow-Management-Lösungen ermöglichen digitale Genehmigungs- und Prüfschritte mit automatisierten Benachrichtigungen bei Statusänderungen. Fristenverwaltungssysteme können E-Mail-Erinnerungen versenden, während Self-Service-Portale oder Chatbots rund um die Uhr Informationen und Dokumenteneinreichung ermöglichen – was die Mandantenattraktivität steigert.

Citizen Developer sind technologieaffine Juristen mit Interesse an Prozessoptimierung. In Großkanzleien unterstützen sie oft spezialisierte Legal-Tech-Teams, indem sie Abläufe in ihren jeweiligen Fachbereichen optimieren. Associates können beispielsweise Workflows für wiederkehrende Schriftsätze automatisieren, während Paralegals Fristen- und Dokumentenverwaltung effizienter gestalten. Inhouse-Legal-Tech-Teams koordinieren diese Initiativen und bieten technische Ressourcen sowie Schulungen. Potenzielle Citizen Developer in Kanzleien sind Associates, Teamassistenten und Paralegals. Schulungen in relevanten Plattformen sowie Kenntnisse in Legal Design oder Design Thinking sind entscheidend für nutzerzentrierte Lösungen.

Treiber und Grenzen des Citizen Development im Rechtssektor

Mehrere Faktoren fördern diese Entwicklung: Der Digitalisierungsdruck verlangt effizientere Prozesse, da Wettbewerber zunehmend mit Legal-Tech-Angeboten punkten. Der Fachkräftemangel macht spezialisierte Entwickler rar und teuer, wodurch Citizen Developer die IT-Abteilungen entlasten. Ein Kulturwandel zu mehr Innovationsförderung ermöglicht Mitarbeitenden, eigene Ideen umzusetzen. Zudem beschleunigt Citizen Development die Markteinführung neuer Services durch verkürzte Entwicklungszeiten und hilft, Schatten-IT zu vermeiden, indem Digitalisierungsaktivitäten in einem transparenten Rahmen gebündelt werden.

Allerdings eignet sich Citizen Development nicht für alle juristischen Digitalisierungsprojekte. Während standardisierte Prozesse effizient mit No-Code-Plattformen abgebildet werden können, stoßen diese bei komplexen, individuellen Anforderungen an Grenzen. Spezifische Funktionen jenseits vordefinierter Bausteine erfordern oft zusätzliche Anpassungen oder Low-Code-Entwicklung. Die Abhängigkeit von Softwareanbietern kann problematisch sein, besonders bei langfristiger Wartung und Erweiterungen.

Herausforderungen und Risiken

Die Rechtsbranche arbeitet mit sensiblen Mandantendaten, weshalb Datenschutz (DSGVO), Datensicherheit und berufsrechtliche Vorgaben strikt eingehalten werden müssen. Anwendungen müssen wartbar sein und sich an neue Rechtslagen oder technische Anforderungen anpassen lassen. Bei der Integration mit bestehenden Systemen sind Schnittstellen für Skalierbarkeit entscheidend. Eine klare Rollenverteilung zwischen Citizen Developern und IT-Abteilung vermeidet Konflikte.

Die zentrale Herausforderung liegt im Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung der Citizen Developer und IT-Sicherheits- sowie Compliance-Anforderungen. Ein praktikabler Ansatz ist die Einführung einer kontrollierten Entwicklungsumgebung mit definierten Rahmenbedingungen, unterstützt durch zentrale Governance-Strukturen oder regelmäßige IT-Reviews. Die enge Zusammenarbeit mit Legal-Tech-Teams hilft, technologische und rechtliche Anforderungen zu integrieren.

Schulungen gewährleisten die effektive Plattformnutzung, während für Entwicklungsprojekte zeitliche Ressourcen bereitgestellt werden müssen. Citizen Development erfordert eine Innovationskultur, die Fehler als Lernchancen begreift, sowie Unterstützung durch die Führungsebene. Klare Governance-Regeln definieren Projekt-Startberechtigungen und Freigabeprozesse.

No-Code-Entwicklung stößt bei hochgradig individuellen oder komplexen juristischen Prozessen an Grenzen. Die meisten Plattformen sind für wiederkehrende Standardfälle konzipiert, sodass Sonderfälle oder komplexe Regelwerke nur eingeschränkt umsetzbar sind. Hier kann Low-Code als sinnvolle Ergänzung für spezifische Anpassungen dienen.

Best Practices für die Implementierung

Ein strukturierter Implementierungsansatz umfasst mehrere Elemente: Ein Innovationsgremium kann Ideen aus allen Hierarchieebenen sammeln und priorisieren. Nach Machbarkeits- und Mehrwertprüfung entwickeln Citizen Developer Prototypen, die nach erfolgreichen Tests schrittweise ausgerollt werden. Technische Basisschulungen und Grundkenntnisse in nutzerzentrierter Produktentwicklung fördern stabile, sichere Lösungen. Ein „Citizen Development Coordinator“ kann Initiativen koordinieren und zu IT-Security, Datenschutz und Governance beraten. Gemeinsame Standards und klare Schnittstellenregeln gewährleisten reibungslose Integration. IT-Sicherheitsprüfungen vor dem Livegang identifizieren Schwachstellen und sichern langfristigen Erfolg.

Ein strukturiertes Evaluationsverfahren stellt sicher, dass jede Anwendung den spezifischen Organisationsanforderungen entspricht. Ein ausgewogenes Zusammenspiel von Citizen Development und professioneller IT-Expertise maximiert die Vorteile ohne Kompromisse bei Sicherheit und Flexibilität.

Autor: Valéri Pollentzke ist deutscher Jurist, der sich auf die Schnittstelle von Recht und Technologie spezialisiert hat und als Inhouse-Berater oder Sparring Partner Teams in Rechtsanwaltskanzleien und Rechtsabteilungen bei der Umsetzung ihrer Digitalisierungsstrategie in den Funktionsbereichen Legal Tech und Legal Innovation unterstützt. Seine Expertise umfasst Prozessoptimierung, die Integration von Legal-Tech-Tools und die Entwicklung von Digitalisierungsstrategien. Dabei verfügt er über umfangreiche Erfahrung in führenden Anwaltskanzleien sowie in Unternehmen und ist zertifizierter Datenschutzbeauftragter (DPO).

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